| 360° Finanzen |
23.06.2026 17:00:31
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Das Zeitalter der Streuung: Wie KI die Spielregeln am US-Aktienmarkt verändert
Kolumne
Nach Jahren der Dominanz weniger Technologieriesen verändert der KI-Boom die Marktstruktur. Für Anleger eröffnet das neue Chancen - verlangt aber auch mehr Selektivität.
Damit rückt eine zentrale Frage in den Vordergrund: Welche Unternehmen können die milliardenschweren KI-Investitionen tatsächlich in nachhaltige Erträge umwandeln?
KI-Investitionen reichen weit über die Technologiebranche hinaus
Der aktuelle KI-Zyklus beschränkt sich längst nicht mehr auf Halbleiterhersteller oder grosse Cloud-Anbieter. Zwar bleiben diese Unternehmen zentrale Treiber der Entwicklung, doch der Ausbau der KI-Infrastruktur erfordert weit mehr als Rechenleistung allein. Investitionen in Datenzentren, Stromversorgung, Netzwerke, Kühlung und industrielle Ausrüstung wirken zunehmend in andere Bereiche der Wirtschaft hinein. Davon profitieren Sektoren, die in den vergangenen Jahren deutlich weniger Aufmerksamkeit erhielten. Industrieunternehmen, Versorger und Materialwerte liefern wesentliche Bausteine für den Ausbau der KI-Infrastruktur - von Stromnetzen über elektrische Ausrüstung bis hin zu Stahl, Beton und Kühlsystemen.
Die Wertschöpfung verlagert sich damit entlang der gesamten Infrastrukturkette. Wer ausschliesslich auf die offensichtlichen KI-Gewinner blickt, könnte wichtige Profiteure dieses Investitionszyklus übersehen.
Die Grenzen der Indexdominanz werden sichtbar
Parallel dazu treten die Folgen der hohen Konzentration in den grossen US-Indizes immer deutlicher zutage. Über Jahre hinweg wurden die Renditen des S&P 500 massgeblich von den « Magnificent Seven» getragen. Inzwischen verhalten sich diese Titel jedoch zunehmend wie eine konzentrierte Technologieposition und weniger wie voneinander unabhängige Renditequellen.
Gleichzeitig haben die hohen Kapitalzuflüsse die Bewertungen vieler Marktsegmente auf anspruchsvolle Niveaus steigen lassen. Der Shiller-CAPE des S&P 500 erreichte Ende 2025 mit rund 40 den zweithöchsten Stand der vergangenen 150 Jahre. Lediglich während der Dotcom-Blase lagen die Bewertungen noch höher.
Der Blick auf den Gesamtmarkt verdeckt jedoch erhebliche Unterschiede. Während der S&P 500 auf Basis erwarteter Gewinne mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 22 bewertet wird, notieren einzelne Sektoren deutlich günstiger. Finanzwerte liegen beispielsweise bei etwa 15, Gesundheitswerte bei rund 18.6. Diese Bewertungsunterschiede zeigen, dass sich attraktive Chancen zunehmend auch ausserhalb der marktbeherrschenden Technologiewerte finden lassen.
Die Rückkehr der Streuung eröffnet neue Chancen
Besonders deutlich wird der Wandel bei der Entwicklung einzelner Aktien. Die sogenannte Querschnittsvolatilität innerhalb des S&P 500 nähert sich wieder den hohen Niveaus der Corona-Zeit an. Die Renditeunterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern nehmen damit spürbar zu. Ein solches Umfeld begünstigt Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen und nachhaltigen Ertragsaussichten. Gleichzeitig gewinnen Fundamentalanalyse und aktive Titelauswahl wieder an Bedeutung.
Auch kleinere Unternehmen rücken zunehmend in den Fokus. Nach Jahren der Underperformance handeln Small Caps gegenüber grosskapitalisierten Unternehmen weiterhin mit historisch hohen Bewertungsabschlägen. Im ersten Quartal übertraf der Russell 2000 den S&P 500 um mehr als fünf Prozent. Das deutet darauf hin, dass sich die Marktbreite wieder erhöht und sich Renditechancen stärker über verschiedene Marktsegmente verteilen.
Mehr Marktbreite verlangt mehr Selektivität
Die Entwicklung bedeutet nicht das Ende passiver Strategien. Breite Marktindizes bleiben für viele Anleger ein wichtiger Bestandteil der Portfolioallokation. Allerdings könnte die einfache Formel der vergangenen Jahre, also eine möglichst breite und kostengünstige Marktexponierung über kapitalisierungsgewichtete Indizes, an Wirksamkeit verlieren.
Steigende Streuung, grössere Bewertungsunterschiede und zunehmende Konzentrationsrisiken sprechen dafür, aktive und passive Ansätze neu auszubalancieren. Entscheidend wird sein, jene Unternehmen zu identifizieren, die vom KI-bedingten Investitionszyklus tatsächlich profitieren, Kapital effizient einsetzen und nachhaltige Erträge erwirtschaften können.
Der US-Aktienmarkt bleibt chancenreich. Doch in einem Umfeld mit höherer Marktstreuung rücken fundamentale Analyse, aktive Auswahl und die Fähigkeit, zwischen kurzfristigem Hype und langfristiger Wertschöpfung zu unterscheiden, wieder stärker in den Mittelpunkt.
Autor: Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group
Christophe Braun ist seit 2016 Equity Investment Director bei Capital Group. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Investmentbranche. Seine Karriere startete er als Investment Representative bei Swissquote Bank Europe und wechselte dann als Portfoliomanager und Anlageberater zu CBP Quilvest. Er hat einen Masterabschluss in Financial and Industrial Economics der Royal Holloway, University of London.
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