| 360° Finanzen |
03.09.2026 11:16:47
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Neue Weltordnung: Was die zunehmende Fragmentierung für Anleger bedeutet
Kolumne
Die globale Ordnung wird fragmentierter, politischer und weniger vorhersehbar. Damit steigt nicht nur das Risikoniveau. Auch die Bandbreite möglicher Marktergebnisse wird grösser.
Geopolitische Risiken dauern länger
Strategische Rivalitäten, Protektionismus, Industriepolitik und das Streben nach resilienteren Lieferketten gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig verlagert sich der Wettbewerb zwischen Staaten stärker in den wirtschaftlichen Bereich. Zölle, Sanktionen, Exportkontrollen und Investitionsbeschränkungen werden zunehmend eingesetzt, um strategische Interessen durchzusetzen. Damit können geopolitische Spannungen länger auf Märkte wirken als klassische kurzfristige Schocks. Märkte sind häufig gut darin, eine unmittelbare Krise schnell einzupreisen. Schwieriger ist die Frage, wie lange deren Auswirkungen anhalten. Bleiben Sanktionen, Handelsbeschränkungen oder Störungen von Lieferwegen über längere Zeit bestehen, können sich die Folgen über höhere Kosten, veränderte Finanzierungsbedingungen und steigende Risikoprämien immer weiter aufbauen.
Für Anleger bedeutet das, Positionen genauer zu hinterfragen, deren Erfolg stark von stabilen Handelsbeziehungen, Finanzierungsbedingungen oder politischen Rahmenbedingungen abhängt. Nicht nur die unmittelbare Reaktion auf ein geopolitisches Ereignis ist relevant, sondern auch die Frage, welche längerfristigen Veränderungen daraus entstehen können.
Engpässe werden zum entscheidenden Risikofaktor
Dabei muss nicht zwangsläufig das gesamte Angebot eines Rohstoffs oder Produkts ausfallen, damit Märkte unter Druck geraten. Immer wichtiger wird die Kontrolle über die Netzwerke, durch die Waren, Kapital und Technologie fliessen. Kritische Transportwege, Energieinfrastruktur, Halbleiter, Rohstoffe oder der Zugang zu Finanzierungsquellen können zu strategischen Engpässen werden.
Klassische Angebots- und Nachfragezahlen allein reichen deshalb nicht mehr aus. Anleger müssen zusätzlich berücksichtigen, über welche Routen Waren transportiert werden, von welcher Infrastruktur Unternehmen abhängig sind und wo sich kritische Verbindungen konzentrieren.
Ein Unternehmen kann beispielsweise über ausreichend Nachfrage und grundsätzlich gesicherte Lieferanten verfügen und dennoch verwundbar sein, wenn zentrale Vorprodukte nur über wenige Transportwege verfügbar sind oder wenn bestimmte Technologien Exportbeschränkungen unterliegen. Für die fundamentale Analyse gewinnt deshalb die gesamte Wertschöpfungs- und Lieferkette an Bedeutung.
Eine multipolarere Welt vergrössert die Unterschiede zwischen Märkten
Parallel dazu verteilt sich globale Macht zunehmend auf mehrere regionale Zentren. Zwar bleiben die USA und China zentrale Akteure für die Weltwirtschaft. Andere Regionen und Staaten gewinnen jedoch an strategischer Bedeutung und verfolgen zunehmend eigenständige wirtschaftspolitische Ziele.
Die Welt bewegt sich damit nicht einfach von einer alten dominanten Ordnung zu einer neuen. Vielmehr entstehen mehrere Machtzentren mit unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und strategischen Prioritäten. Genau daraus resultieren grössere Unterschiede zwischen Ländern, Branchen und Unternehmen.
Für Anleger verändert dies den Blick auf globale Märkte. Wenn Staaten unterschiedliche industrie-, handels- oder fiskalpolitische Prioritäten verfolgen, können sich auch die Rahmenbedingungen für Unternehmen stärker auseinanderentwickeln. Eine Entwicklung, die für einen Markt oder eine Branche belastend ist, kann andernorts neue Chancen eröffnen.
Politik wird stärker zum Renditetreiber
Diese Divergenz dürfte zunehmend Einfluss auf Anlageergebnisse nehmen. Politische Entscheidungen können Kostenstrukturen, Marktzugang, Kapitalflüsse und staatliche Unterstützung stärker bestimmen als in der Vergangenheit.
Für Unternehmen kann das sehr unterschiedliche Folgen haben. Geschäftsmodelle, die besonders stark auf vollständig globalisierte und maximal kostenoptimierte Lieferketten angewiesen sind, könnten vor grösseren Herausforderungen stehen. Unternehmen, deren Aktivitäten dagegen mit politischen Prioritäten wie Energiesicherheit, heimischer Produktion, kritischer Infrastruktur oder strategischen Technologien übereinstimmen, könnten von Investitionen, Subventionen oder regulatorischer Unterstützung profitieren.
Für Europa könnte dies beispielsweise Investitionszyklen in Verteidigung, Energie und Infrastruktur verstärken. Gleichzeitig dürften unterschiedliche fiskalische Spielräume und politische Prioritäten innerhalb der Region für eine grössere Streuung sorgen.
Wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stärker auseinanderlaufen, dürfte auch die Streuung der Unternehmensergebnisse zunehmen. Damit gewinnen Länder-, Branchen- und Unternehmensauswahl an Bedeutung. Eine pauschale Betrachtung ganzer Märkte wird einem solchen Umfeld immer weniger gerecht.
Widerstandsfähigkeit statt Prognosesicherheit
Für Portfolios folgt daraus vor allem die Notwendigkeit einer bewussteren Diversifikation. Dabei geht es nicht allein darum, möglichst viele Märkte oder Anlageklassen zu halten. Entscheidend ist vielmehr, zu erkennen, wo sich ähnliche Risiken im Portfolio konzentrieren und welche Positionen tatsächlich unterschiedliche Renditetreiber mitbringen.
Ein Portfolio kann auf den ersten Blick breit diversifiziert erscheinen und dennoch gegenüber denselben geopolitischen Faktoren verwundbar sein – etwa wenn mehrere Unternehmen von denselben Lieferketten, Energiequellen, Absatzmärkten oder politischen Rahmenbedingungen abhängen. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Anzahl der Positionen, sondern die tatsächliche Streuung ihrer Risiken und Ertragsquellen.
Geopolitik wird damit dauerhaft Teil der fundamentalen Investmentanalyse. Die neue Weltordnung ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein fortlaufender Prozess. Für langfristige Anleger kommt es darauf an, Veränderungen frühzeitig zu erkennen, Annahmen kontinuierlich zu überprüfen und Portfolios so aufzustellen, dass sie auch dann widerstandsfähig bleiben, wenn sich das globale System weiter verändert.
Autor: Arne Tölsner
Arne Tölsner ist seit 2023 Head of Client Group für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Capital Group. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Investmentbranche. Zuvor war er in verschiedenen Führungspositionen bei Allianz Global Investors tätig, zuletzt als Head of Distribution DACH sowie als Global Head of Product Specialists. Tölsner studierte Betriebswirtschaft an der Frankfurt School of Finance & Management und absolvierte Executive Programs an der Harvard Business School sowie der ESMT.
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